Interreligiöser Tag 2016

Im Austausch das Gegenüber und sich selbst kennenlernen:

Breiter Dialog der Religionen an der Marienschule Münster

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​Als hätte sich die Marienschule in Münster mit Papst Franziskus abgesprochen: Keine 24 Stunden war es her, dass das Oberhaupt der Katholischen Kirche zum Abschluss des Friedenstreffens in Assisi zum Dialog der Religionen aufgerufen hatte, da hat am Mittwoch (21. September) am bischöflichen Mädchengymnasium ein interreligiöser Studientag stattgefunden – perfektes Timing.

"Ich finde es total wichtig, in Beziehung mit anderen Religionen zu kommen", erklärte Marlene Lüdorff ihr Engagement für den Dialogtag der Religionen, "ich habe bei mir selber festgestellt, dass ich unbewusst Vorurteile habe und, wenn mir eine Frau mit Kopftuch entgegen kommt, denke, die trägt das nur, weil sie muss, weil Frauen im Islam unterdrückt werden." Während des Studientages erfuhr die 15-Jährige, dass das so gar nicht stimmt.
Die Initialzündung zum Studientag erhielten Lüdorff und ihre Mitschülerin Gesa Jüngst vor knapp einem Jahr während einer Weltethos-Ausstellung im Foyer der Schule. In deren Zentrum stand die Goldene Regel, die in allen Weltreligionen ähnlich zu finden sei und das Zusammenleben regle. "Was ihr wollt, was euch die Menschen tun, das tut auch ihr ihnen ebenso", heißt es zum Beispiel im Christentum. Diese Regel tauche in unterschiedlichen Formulierungen in allen Weltreligionen auf. Sie fordere dazu auf, "den anderen so zu behandeln, wie man selber behandelt werden möchte", erklärte Religionslehrer Robert Kanzog.

"Nach der Ausstellung war für uns klar: Wir wollten mehr über die anderen Religionen erfahren und vor allem mit ihnen ins Gespräch kommen", begründete Marlene ihren Einsatz, "in der Schule haben wir wenig Raum, uns über unseren Glauben auszutauschen."

Schulleiter Arno Fischedick war schnell für die Idee gewonnen. "Wir sind eine christlich geprägte Schule, haben aber auch Schülerinnen anderer Glaubensrichtungen", erklärte er. Die anderen Religionen würden zwar im Religionsunterreicht behandelt; "uns war vor allem aber der Dialog wichtig und der Austausch, um den Blick über den Unterricht hinaus zu weiten, denn das kann der nicht leisten. Ich finde es toll, dass es diesen Tag gibt."
So stand dann am Mittwoch statt Mathe und Englisch der Dialog der Religionen auf dem Stundenplan der knapp 240 Schülerinnen des zehnten und elften Jahrgangs. Vertreter und Vertreterinnen des Bahaitums, Buddhismus, Hinduismus, Islam und Judentums gaben in zwei Workshopphasen Glaubenszeugnisse, berichteten über ihren Glauben und stellten sich den Fragen der Schülerinnen. So erfuhren Lüdorff und ihre Mitschülerinnen, dass Dr. Riham Ibrahim ihr Kopftuch freiwillig trägt. "Es ist Teil meiner Identität", erklärte Ibrahim den erstaunten Schülerinnen, "ich habe es habe auch einmal ohne probiert, aber da fehlte mir etwas."

In diesem Zusammenhang kam Ibrahim auf den Unterschied zwischen Gesetz und Tradition zu sprechen. So sei die Art der Kopfbedeckung nicht im Koran vorgeschrieben, je nach muslimischem Land gebe es unterschiedliche Vorschriften. Auch "sind Mann und Frau im Koran gleichwertig". Was die Menschen daraus gemacht hätten, folge einer falschen Tradition. "Was wir dann sehen, das setzen wir mit dem Islam gleich. Das stimmt so aber gar nicht", erklärte Ibrahim. Das sei vielmehr der Tradition geschuldet.

Alle Religionen proklamierten die Gleichberechtigung von Mann und Frau, betonten die Glaubensvertreter und -vertreterinnen in der abschließenden Podiumsdiskussion. So heiße es zum Beispiel auch im Bahaitum, dass Frauen und Männer wie zwei Schwingen eines Vogels seien, einander ebenbürtig. Was letztendlich daraus gemacht werde, sei Menschenwerk, eine Frage von Macht und Einfluss. Ähnliches gelte für Religionskriege, damals wie heute. "Gottes Wille ist der Friede, nicht das Gemetzel", meinte Ruth Frankenthal von der jüdischen Gemeinde Münster, "die Religionen werden nur vorgeschoben. Vielmehr geht es um Öl, Einfluss, Macht."
"Ich habe mir das Bahaitum angeschaut und den Islam. Dabei haben sich bei mir Vorurteile gelöst, alleine dadurch, dass ich eine andere Sichtweise auf die anderen Religionen bekommen und gesehen habe, wie viel sie gemeinsam haben", fasste Lüdorff den Studientag für sich zusammen. Sie ergänzte: "Der Dialog ist wichtig, um die Angst vor dem Unbekannten zu nehmen." Und ein Zweites machte der Tag deutlich: Wo Raum für Austausch geschaffen wird, lernt man nicht nur das Gegenüber besser kennen, sondern auch sich selbst. Denn am Ende wurde die Frage "Woran glaube ich eigentlich selber?" lebhaft diskutiert.
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